Insects

Das Thema

ES ist zwar schon eine gefühlte Ewigkeit her, aber ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als ich das erste Mal die Fachhochschule Münster betrat. Dort hingen immense und extrem genau gearbeitete Insekten, teilweise riesig und teilweise fotorealistisch. Ich war dermaßen beeindruckt, auch weil ich selbst dieses zeichnerische Thema für mich bereits entdeckt hatte und nun sah, wie weit man dieses Thema treiben konnte.

 

Ich werde nicht müde, Insekten immer wieder als zeichnerisches Thema anzubieten. Noch dazu leben wir in einer Zeit, in der wir Unmengen an Fotos von Insekten im Netz finden. Die Recherche gehört somit natürlich zum zeichnerischen, künstlerischen Prozess, aber dafür bekommen wir auch alles „Freihaus“ geliefert.

 

Insekten bestechen durch ihr Außenskelett, sie bestehen aus festen Formen, die quasi ineinandergesteckt sind und an diesen „Steckstellen“ verfügen sie über Gelenke, so dass sich die Tiere bewegen können, fliegen, essen usw.

Sie haben mit ihren unzähligen Formen und Farben fast etwas Technisches.

 

Neben dem großen Spaß, sie generell zeichnerisch zu erfassen, ist es zusätzlich ein großer Reiz über spezielle Kompositionen zu eigenen Bildaussagen zu kommen – so könnten Insekten überlebensgroß „über das Blatt huschen“ – oder wir als Zeichner könnten besondere Blickpunkte einzunehmen. Wie wäre es, wenn wir als winzige Menschen direkt vor einem gigantischen Insekt stünden? Wie bekommt man so etwas hin???

 

Die Aufgabe

 

Um die zuletzt gestellte Frage kann man sich wunderbar kümmern, wenn man sich bereits ausgiebig mit Insekten beschäftigt hat. Heute geht es erstmal um eine generelle zeichnerische Auseinandersetzung.

Die Insekten, die Dir als Vorlage dienen, sollten möglichst groß und formatfüllend gezeichnet werden. Entweder findest Du also Insekten, die wunderbar auf Dein Blattformat passen, oder aber Du nimmst einfach einen Ausschnitt aus Deinem Insekt.

Zuerst geht es allerdings darum, Vorlagen zu finden. Google Dich durch die Googlewelt. Nimm Dir wirklich Zeit. Du brauchst Insekten, die Dich als Zeichner wirklich „anmachen“, keine halben Sachen, Inspiration ist alles. Drucke sie so groß wie möglich aus und los geht’s.

 

 

 

Arbeitsschritte

 

Und hier kommen auch schon die Arbeitsschritte. Arbeite nicht zu klein, tendenziell DinA3 oder mehr. Allerdings hängt das natürlich auch immer von Deiner generellen Arbeitsweise ab. Wenn Dich das Thema interessiert, mach auch gerne viele Zeichnungen, fang allerdings irgendwann an, die Schritte auszutauschen und auch flächiger mit farbigen Tuschen zu arbeiten.

In dieser Übung bleiben wir allerdings etwas klassischer. – Los geht’s! Such Dir Deine beste Vorlage aus und fange direkt mit derselben an.

                                                                                                                           

 

Schritt 1

Grauwasser

 

Wir starten mit etwas Grauwasser. Das kann sein: Wasser mit Tinte oder Tusche, Wasser mit ganz wenig grauer Farbe, was immer Du dahast. Wichtig: Daraus sollte eine helle wässrige Lasur werden. Trage diese Lasur auf 50% Deines Blattes auf, auf keinen Fall mehr, experimentell und wild, hier und da etwas flächig. Die Lasur soll noch nichts mit dem Insekt zu tun haben. Sie ist eher als experimenteller Untergrund gedacht.

 

 

Schritt 2

Skizze

 

Skizziere Dein Insekt mit guten gestischen Linien, achte also auf hell und dunkel in Deinen Linien und auf verschiedene Tempi. Trotzdem werde nach den ersten skizzenhaften Linien durchaus immer exakter. Gerade aufgrund des Außenskeletts unserer Protagonisten ist dieser Schritt nicht ganz unwichtig. Hier legst Du die Basis für den Rest der Zeichnung.

 

 

Schritt 3

Schwärze

 

Nun setze mit einem weichen Bleistift alle Schwärzen, die das Insekt Dir bietet. Da wo es Sinn macht, arbeite durchaus gestisch und schnell und an anderen Stellen entsprechend exakt.

 

 

 

 

 

 

Schritt 4

Orange

 

Nun setze auf Deine Zeichnung an einigen Stellen eine orangefarbene Skizze und setze auch einige wenige gestische Flächen.

 

Schritt 5

Rot

 

Wiederhole Schritt 4 mit einem roten Farbstift. Arbeite entweder sehr viel weniger mit dem Rot oder sehr viel mehr.

 

 

Schritt 6

Der Schwerpunkt

 

Nun benötigen wir unseren altbewährten Schwerpunkt. Bestimme ein Areal, das Du dafür vorsehen möchtest. Arbeite in diesem Bereich mit dem Bleistift sehr exakt, bestimme alle Details, arbeite sehr plastisch, achte auf alle Strukturen und lasse diesen Schwerpunkt nach außen auslaufen.

 

 

Schritt 7

Farbige Flächen

 

Arbeite weiter mit den Farbstiften, orange und rot. Setze eher glatte zurückhaltende Flächen, um die Zeichnung an einigen Stellen zu verdichten. Ggf. überarbeite die Farbstiftflächen noch mit einer zarten Bleistiftschraffur, um die Farben teilweise zurückhaltender zu machen.

 

Schritt 8

Die Plastizität

 

Da wo es nötig ist, verstärke noch einmal die Plastizität Deines Insektes. Natürlich sollte es nicht komplett zeichnerisch gefüllt sein. Leerstellen sind ein willkommener Kontrast. An dieser Stelle zeigt sich, wie sinnvoll große Formate sind. Man hat wesentlich mehr Spiel in der Ausarbeitung. Wenn Du in diesem Schritt das Gefühl hast, Du hast bereits viel zu viel gemacht, dann brauchst Du in der kommenden Zeichnung auf jeden Fall ein sehr viel größeres Format. …  

 

 

Schritt 9

Der freie Schritt

 

Zum Schluss hast Du noch einmal die Möglichkeit, das Bild abzurunden mit einem Schritt, den Du gerne machen möchtest. Das kann noch einmal ein vorsichtiges Feilen sein, ein Abschleifen an den richtigen Stellen. Das kann aber auch noch einmal ein immenser anderer Schritt sein, der Deine Zeichnung noch einmal in eine völlig neue Richtung bringt.

 

 

 

 

Die Reflektion

 

Das erste Insekt ist fertig und damit ist es Zeit für einige Fragen. Danach kommen hoffentlich noch viele weitere Insekten.

 

  1. Hast Du das Gefühl, Du hast das richtige Zeichenformat genommen und das Insekt in der richtigen Größe abgebildet oder würdest Du das beim nächsten Mal anders machen?
  2. Wie würdest Du Dein Spiel mit der Realität beschreiben? Ist Deine Zeichnung überall ähnlich realistisch oder weist sie unterschiedliche Realitätsgrade auf? Wirkt sich letzteres kompositorisch aus? Falls ja, wie?
  3. Kannst Du Dir vorstellen, diese Arbeitsschritte auch bei anderen zeichnerischen Themen anzuwenden? Falls ja, an welche Themen denkst Du?

 

Vielen Dank für Deine Teilnahme und viel Vorfreude auf die nächste Übung.

 

Ganz herzliche Grüße aus einem sonnigen Bochum – Stephan