Gräser

Das Thema

Wir wissen alle, wie unendlich vielfältig zeichnerische Themen sein können. Alles, was es gibt, können wir zeichnen. Und alles, was es nicht gibt ebenso. Dementsprechend vielfältig sind auch die Anforderungen. Manche Realitäten funktionieren mehr über die Definition der zu zeichnenden Formen, manche mehr über Experimente, wieder andere über Geduld. Aber grundsätzlich ist es immer sinnvoll, das was man zeichnen möchte, im Vorfeld erst einmal zu analysieren und vielleicht auch die verschiedenen Optionen zu durchleuchten. Einfach loszulegen ist unter bestimmten Voraussetzungen natürlich auch immer eine Option.

 

Gerade bei unserem diesmonatigen Thema macht es besonders viel Sinn. Es geht um schilfartige hohe Gräser. Würde man sie komplett mit jedem Detail zeichnen wollen, bräuchte man viel Zeit und Geduld. Deshalb stellt sich hier ganz schnell die Frage nach einem alternativen Weg.

 

Aber versuchen wir doch zuerst einmal zu verstehen, wie die Gräser aufgebaut sind bzw. aus welchen Elementen sie bestehen.

 

  • Wir haben die sehr starren Halme, die Richtungsweiser sind, in der Regel nach oben, oft schräg, manchmal wird die Richtung aber auch wieder gebrochen.
  • Wir haben die kleinen Blätter und Blattformen, deren Rhythmik als rhythmisches Element für unsere Komposition nutzbar gemacht werden kann.
  • Und dann haben wir natürlich auch noch die großen Blätter, die wir als Protagonisten, als kompositorischen Hauptakteur einsetzen können.
  • Die Zwischenräume kann man entstehen lassen, aber man könnte sie auch zum Thema der Zeichnung machen. Die Zwischenräume beinhalten oft ganz neue Formen, auf die wir uns sonst nicht so beziehen.

Wie bringen wir diese Aspekte nun zusammen, in einer sinnvollen Synergie aus Experiment und realistischen Ansätzen?

 

 

Die Aufgabe

 

Dazu habe ich mir eine Übung überlegt. Wir starten etwas experimenteller, trotzdem in gewisser Weise an der Vorlage orientiert, mehr bezogen auf Bewegung, Tempo und Richtung, dann geht es in eine erste Skizze und im Wechsel kommt dann immer ein realistischerer Schritt und ein freierer. Wichtig bei dem freien Schritt ist es, dass Du immer auch Deine Komposition im Auge behälst. Du bestimmst am Ende, wo auf Deinem Blatt Du z.B. frei arbeitest, wie dicht Du wirst usw. Da der freie Anteil in den Zeichnungen nicht unerheblich sein wird, sollte die Komposition etwas mehr im Fokus stehen. Die Realität entsteht automatisch.

 

Gerade bei so komplexen Motiven, macht es immer Sinn zu hinterfragen, welche Bestandteile man besser experimentell umsetzt und welche etwas genauer, und natürlich auf was für einen experimentellen Weg man die entsprechende Realität umsetzen möchte. Fast ist es als würden wir Realität in eine neue und fremde Sprache übersetzen.

 

Arbeitsschritte

 

Aber lass uns einfach starten. Du hast einige Fotos zur Auswahl. Setz eines um oder alle oder irgendetwas dazwischen. Genieße auch die Experimente und sei einfach offen, für alles, was passieren kann, sei ohne jede Erwartungshaltung!

 

Arbeite auf DinA3 und starte mit einem Foto als Vorlage, auf dem es einige große Blätter gibt. Das mag etwas einfacher sein. Bei weiteren Motiven überlege Dir vorher immer kurz, was Du anders machen solltest …..                                                                                                                                

 

Schritt 1

Impulsive Linien 1

 

Arbeite mit einem grünen Farbstift (Buntstift). Orientiere Dich an den Halmen, aber nur an ihre Richtung und Dichte. Diese Information setze nun als schnelle intensive Linien von oben nach unten über das Blatt ein und um. Es geht nicht darum Halme zu zeichnen, sondern impulsive, gestische und emotionale Linien zu zeichnen. Im Gesamtkontext werden sie später im besten Fall die Halme widerspiegeln.

 

Schritt 2

Impulsive Linien 2

 

Nimm einen zweiten Farbstift, vielleicht ein Türkis oder ein Orange oder Violett-blau und wiederhole Schritt 1. Durch die Wiederholung und durch die andere Farbe wird dieser experimentelle Schritt noch einmal sehr viel komplexer und intensiver und kann die spätere Zeichnung entsprechend besser bereichern.

 

Schritt 3

Die Skizze in Farbe

 

Bleibe bei den Farbstiften. Nimm ein eher intensives Grün, welches sich deutlich von den anderen Farbstiften abhebt und nun skizziere Dein Motiv, insbesondere die offensichtlichen größeren Blätter und hier und da ein Detail, durchaus auch in den Halmen. Hier ist die richtige Dosierung gefragt. Die Gestik und Impulsivität der ersten Schritte sollen nicht ausgehebelt werden. Versuche das auch in den nachfolgenden Schritten immer im Hinterkopf zu behalten.

 

Schritt 4

Die Zwischenräume

 

Nun setze einen größeren Fokus auf die Zwischenräume. Arbeite mit einem 7B-Bleistift sehr sehr dunkel. Weder geht es um alle Zwischenräume noch um eine differenzierte Wiedergabe dessen, was Du in den Zwischenräumen siehst. Du bestimmst ein eher kleines Areal, in dem Du einen Großteil der Zwischenräume, die Du erkennst, schnell, gestisch und sehr dunkel und dicht umsetzt. Die Konturen müssen nicht alle so exakt sein, wie Du sie womöglich auf dem Foto vorfindest. Gehe auch hier durchaus mit einem freiheitlichen Gedanken ans Werk.

 

Schritt 5

Drei Blätter genau

 

Nun bestimme aus kompositorischen Gründen drei Deiner gesetzten Blätter und arbeite sie mit einem HB-2B-Bleistift recht realistisch heraus, die Kontur zu 80% und die Schraffur der Blätter jeweils zu maximal 40%.

 

Schritt 6

Drei andere Blätter flächig

 

Bestimme drei weitere Deiner Blätter aus rein kompositorischer Sicht und führe diese ganz flächig mit einer dichten Buntstiftschraffur aus, möglichst ohne die Linien der Schraffur zu sehen, eher ganz plakativ. Bei der Wahl der Farbe hast Du freie Hand. Nimmst Du eine Farbe, die bereits in Deiner Zeichnung vorkommt, stärkst Du die Bedeutung dieser Farbe im Bild. Das Bild selbst bleibt zurückhaltender und womöglich ästhetischer.

Nimmst Du eine dezente neue Farbe, stärkst Du die Gesamtfarbgebung, nimmst Du eine kräftige neue Farbe, dann übernehmen diese drei Blätter sofort die kompositorische Führung im Bild.

Du siehst, allein durch die Wahl der Farbe, kannst Du bereits im Vorfeld bestimmen, wohin das Bild kompositorisch gehen wird.

 

Schritt 7

Ein komplexer Schwerpunkt

 

Kommen wir zum Schwerpunkt. Zwar steuern wir die Komposition der Zeichnung schon recht gut über die beiden vorhergehenden Schritte. Aber wenn jetzt auch noch ein komplexerer Schwerpunkt auftaucht, bekommt die Zeichnung noch einmal wesentlich mehr Detail und Reiz, hervorgerufen durch Schraffurschichten, Detail, Struktur und einem soliden Hell-Dunkelkontrast, alles einzig mit dem Bleistift.

Das Schwerpunktareal sollte nicht viel größer sein als eine halbe ganz normale Tafel Schokolade. Nimm Dir alle Zeit, die Du brauchst, aber trotzdem geht es um eine Mischung aus realistischer und gestischer Wiedergabe, nicht nur um Pingelei.

 

Schritt 8

Rot als Linie und Fläche

 

Dieser Schritt sei einem roten Farbstift (Buntstift) gewidmet. Setze neue lebhafte Konturen und einige Schraffuren. Wichtig ist beim Einsatz dieser Farbe die Komposition im Auge zu behalten. Dieses Rot wird womöglich einen Teil der kompositorischen Führung beanspruchen. Deshalb schaue sehr genau, wieviel Rot Du setzt und natürlich auch wohin …..

 

Schritt 9

Noch etwas Neues

 

Zum Schluss setze nochmal etwas Neues. Egal wozu Du Dich entscheidest, es sollte das Bild nicht einfach nur ergänzen, sondern tatsächlich auch nochmal verändern. – Sei mutig! – Viel Spaß!

 

Die Reflektion

 

Ist es nicht erstaunlich, was Realität in der Zeichnung alles bedeutet und wieviele verschiedene Wege es gibt, Realität zu zeichnen?

 

  1. Ist es Dir gelungen, in den einzelnen Schritten auch unterschiedliche Realitäten zu erzeugen? Vielleicht sogar im Extrem?
  2. An welchen Stellen hättest Du gerne mehr oder weniger Realität einsetzen wollen. Was denkst Du, wie frei Du arbeiten könntest, ohne die Erkennbarkeit Deiner Realität komplett einzubüßen?
  3. Welches der Fotos fandst Du zur Umsetzung am geeignetsten und hat sich die Vermutung in der Durchsetzung bestätigt? Vorausgesetzt, Du hast mehrere Zeichnungen gemacht, welche findest Du am besten und warum?

Schön, dass Du wieder dabei warst und Dich der Zeichenübung gewidmet hast. Im nächsten Monat geht es weiter. Wenn Du Lust hast, mach gerne etwas