heute mal zart

Inzwischen hast Du bereits so viel mit Procreate gewerkelt und gezeichnet und gemalt und collagiert und und und … Und natürlich neigen wir dazu bei so einem Programm erstmal in die „Vollen zu greifen“, viel zu machen, kräftige Farben zu verwenden, Bilder zu überladen und alles, was wir können zu verwenden. Genauso waren bislang auch die Übungen teilweise aufgebaut. Durch so eine Arbeitsweise bekommt man schnell das Gefühl, dass das manchmal Laute und Volle typisch für digitale Kunst ist. Aber dem ist natürlich nicht so. Das Ziel ist vielmehr, dass wir alles lernen, dann wieder vergessen, um die ganzen Tools selbstverständlicher und lockerer anwenden zu können, und letztendlich unsere eigene digitale Sprache finden, die uns von den anderen unterscheidet und auch in der digitalen Welt besonders macht. Und das wird schon auch etwas dauern.

Aus diesem Grunde möchte ich Dir heute keine neue Funktion vorstellen, sondern Dir eine Aufgabe stellen, die ein zartes, fragiles, delikates Ergebnis möchte, die nicht durch „viel“ dominiert, sondern durch wenige, fein differenzierte und sensible Schritte. Also wieder eine neue Erfahrung!

Noch ein kleiner Hinweis, der in Zukunft für Dich wichtig sein könnte. Hilfreich ist, sich jeweils für einen oder für zwei Monate ein Thema vorzunehmen, das man kontinuierlich erarbeitet, wie z.B. Blumen, Portraits, Gorillas, Stadtszenen oder auch zeitgenössischen Tanz. Dadurch übernimmt das Thema mehr Wichtigkeit und man nutzt die Möglichkeiten von PROCREATE mehr, um sein Thema umzusetzen, statt nur die Tools um ihrer selbst willen anzuwenden!

die übung

Dann starte direkt mit der Übung und versuche heute einen sehr viel größeren Schwerpunkt auf Deine künstlerische Qualität zu legen und viel länger über Farben, Plazierung, Komposition, Inhalt, Wirkung usw. nachzudenken.

Als Grundlage benötigst Du ein Foto, zu dem Du einen ganz besonderen Bezug hast. Formal ist es erstmal völlig egal, was für ein Foto das ist. Eine emotionale Bindung zum Foto fordert Dich allerdings in jeder Phase der Bearbeitung dazu auf, entsprechend sensibel kreativ tätig zu sein.

1 das foto

Bearbeite das Foto im Fotoprogramm Deines iPads. Verändere, was immer Du möchtest. Dabei sollte das Foto nicht seine Wirkung einbüßen, um derer Willen Du es ausgesucht hast. Und es sollte eher ein helles Foto werden. Probiere einiges aus und schließe diesen Prozess erst dann ab, wenn Du absolut von Deinem Ergebnis überzeugt bist.

2 der import

Importiere das Foto aus Deinem Fotoprogramm auf Dein PROCREATE-Papier.

3 die vorbereitung

Schneide über die Funktion „Leinwand beschneiden“, die weißen Ränder ab, so dass nur noch das Foto im Eigenformat übrigbleibt!

4 das ausschneiden

Jetzt geht es darum, Partien des Fotos auszuschneiden, nicht einfach einen kompletten Hintergrund oder eine Sache, die Dir auffällt. Das Ausschneiden in dem Fall sollte ein sehr kreativer, bildgestaltender Schritt sein. Es können ganz viele winzige Sachen sein, die Du ausschneidest, ggf. extrem genau und detailliert. Dieser Schritt darf ewig dauern. Wenn man sich so einem Schritt so extrem widmet, merkt man plötzlich, wie sehr man das Bild auf künstlerischer Ebene beeinflussen kann, obwohl nur ein einziges Tool verwendet wird!

Das gilt für alle weiteren Schritte natürlich auch!

5 der zarte hintergrund

Nun bestimme eine Farbe für den Hintergrund, der durch die ausgeschnittenen Bereiche sichtbar wird. Wähle eine helle sehr dezente Farbe. Versuche ebenso über die Farbwahl eine große Sensibilität zu schaffen.

Falls Du das Gefühl bekommst, Du hast im vierten Schritt zu wenige Bereiche „weggeschnitten“, schneide gerne auch noch mehr aus. Die Balance zwischen den ausgeschnittenen Bereichen und den übriggelassenen Fotoelementen spielt in diesem Moment eine ausschlaggebende Rolle.

6 zwischen hintergrund und foto

Lege eine neue Ebene an, die sich genau zwischen dem Hintergrund und dem Foto befindet.

7 nochmal das foto

Auf diese neue Ebene importiere dasselbe Foto noch einmal! Damit ist die Hintergrundfarbe erstmal nicht mehr sichtbar, aber das ändert sich gleich wieder.

8 die liquidierung

Liquidiere diese Ebene, also die Ebene mit dem zweiten Foto. Liquidiere, verwässere sie über „Schieben und Wirbeln“. Arbeite in dieser Funktion solange, bis die ausgeschnittenen Bereiche des ersten Fotos eine aufregende Mischung darstellen zwischen der Hintergrundfarbe und dem liquidierten zweiten Foto. „Aufregend“ ist natürlich ein schwammiger Begriff, aber es meint aufregend im Sinne Deiner eigenen künstlerischen Sprache.

9 die transparenz

Überlege, ob es Sinn macht, die liquidierte Ebene transparenter zu machen. Probiere verschiedene Möglichkeiten an Transparenz aus, wäge ab und entscheide Dich. Und wieder siehst Du, auch das ist nur ein so kleiner Schritt und Du kannst auch am iPad alle beteiligten Elemente extrem fein aufeinander abstimmen.

10 die sieben zarten kreisringe

Nun benötigen wir auf einer neuen Ebene 7 extrem exakte Kreisringe. Du ziehst, wie gehabt, einen lockeren Kreis z.B. mit einem 6B-Bleistift, und hebst Deinen Stift nicht ab, sondern lässt ihn verharren, bis dass aus dem lockeren Kreis ein gleichmäßiger geworden ist. Wenn Du den Stift abhebst, kannst Du oben am Bildschirm noch einmal auswählen zwischen Kreis oder Ellipse. Diese Funktion wird nur in diesem Moment oben eingeblendet, sie ist nicht dauerhaft zu sehen. Wir brauchen in diesem Schritt 7 zarte Kreisringe, zart in der Dicke der Kreislinien und zart in den Farben. Wäge die Farben sehr genau ab.

Du kannst die Farben der Kreisringe im Nachhinein aber auch immer noch ändern, indem Du eine neue Farbe bestimmst und den entsprechenden Farbkreis ganz oben rechts auf diesen Kreisring ziehst. Aber OBACHT!

Ist die Linie des Kreises sehr dünn, wird schnell eher das Umfeld eingefärbt. Du musst den Farbkreis tatsächlich exakt auf die Linie ziehen. Ggf. zoom Dein Bild ganz weit hoch und ziehe den Kreis auf die dann viel dickere Linie.

11 airbrusch

Öffne wieder eine neue Ebene und setze sie ganz nach oben. Bestimme eine Farbe, mit der Du arbeiten möchtest, überlege wie transparent sie sein soll und stelle das entsprechend ein. Nun arbeite mit einer Airbrushdüse Deiner Wahl und bearbeite Dein Bild gemäß Deiner künstlerischen Kriterien.

12 die einordnung

Überlege, ob die letzte Ebene richtig platziert ist. Verschiebe sie auf Deiner Ebenenliste an ganz verschiedene Stellen und entscheide Dich, wo Du sie am besten aufgehoben findest.

13 die schwarze struktur

Wieder benötigen wir eine neue Ebene. Setze sie der Einfachheit halber ganz nach oben. Nun bearbeite Dein Blatt zu 20% mit einem Pechschwarz, schaffe eine Struktur Deiner Wahl. Und auch diese Ebene schiebe an die für Dich geeignete Stelle in der Ebenenliste, um das Bild zwar nochmal mit Dunkelheiten, also tieferen Stellen, zu ergänzen, aber auch schon in einen finalen Zustand zu bringen.

14 die nachregulierung

Im letzten Schritt schaue, ob Du nochmal etwas nachregulieren möchtest, Transparenzen, Farben, Paltzierungen usw.

die reflektion

Wie hat die Zartheit geklappt?

  1. Wie war es für Dich, so zurückhaltend zu arbeiten? Was genau war für Dich tatsächlich alles anders? Versuche Dir tatsächlich mal Stichpunkte aufzuschreiben.

  2. Wenn Du diese Arbeit nun dreimal duplizierst und Dir drei Möglichkeiten überlegst, so zart weiterzuarbeiten, durchaus mit dem Ziel, die Arbeiten auch zu verändern, was könntest Du Dir vorstellen zu tun?

  3. Wie groß, denkst Du, könntest Du diese Arbeit drucken lassen? Wenn Du etwas vergrößerst gehen mehr und mehr Details verloren. Versuche einfach mal abzuwägen, was in einer großen Größe tatsächlich übrigbleibt. Wie müsstest Du arbeiten, um sehr groß vergrößern zu können? Diese Frage ist tatsächlich nicht ganz uninteressant!

Have a happy time – Stephan