RADITZEFUMMEL

DAS PROCREATE RADITZEFUMMEL

Heute geht es um eine Funktion bei PROCREATE, die ich selbst interessanterweise kaum nutze, die aber ein unglaubliches Potential für die Arbeit mit diesem Programm bietet. Es geht um den Radiergummi.

Der Radiergummi ist klassischerweise ein kleines Ding, mit dem wir, wenn wir uns beim Zeichnen mit dem Bleistift vertan haben, diesen Fehler anschließend aus- oder wegradieren können. So können wir nochmal neu ansetzen, und das Fehlerhafte stört nicht beim Weiterarbeiten.

Je nach Radiergummi geht das mal mehr mal weniger gut, manchmal schmiert es und bei Farbstiften wird es generell extrem schwierig. Es ist also ein Instrument, welches Fehler löscht, also ausradiert.

Bei PROCREATE kann man aus ebendiesen Gründen radieren. Aber PROCREATE kultiviert das Radiergummi als ein extrem umfangreiches Tool, bei dem es darum geht, in unendlich vielen verschiedenen Methoden Dinge wegzunehmen.

Der „Knopf“ für den Radiergummi befindet sich ganz oben rechts. Das zweite Symbol rechts neben unserer Pinselsammlung oder das zweite Symbol links neben dem Farbbutton.

Klickst Du auf dieses Symbol, passiert etwas sehr Frappierendes. Scheinbar öffnet sich eine zweite Pinselsammlung, d.h. Du kannst mit jedem beliebigen Material Deiner Pinselsammlung Bereiche Deiner Arbeit wieder wegnehmen. Dieses Wegnehmen wird hier bei PROCREATE also als absolut kreatives Mittel gesehen. Man könnte auch sagen, Du arbeitest mit der kompletten Pinselsammlung in einer negativen Form.

Diese Möglichkeit sollten wir uns durch eine kleine Anwendung einfach mal vor Augen führen.

Öffne eine Seite und fülle diese Seite mit einem Material Deiner Wahl komplett mit der Farbe Deiner Wahl aus, zu 100%.

Nun klicke auf den Radiergummi, öffne also die komplette Pinselsammlung Deines Radiergummis und wähle ein beliebiges Material aus. Gehe damit über Deine Fläche und siehe da, in der von Dir gewählten Struktur bzw. in dem von Dir gewählten Material nimmst Du die vorher gesetzte Farbe wieder weg. Und auch mit mehr oder weniger Druck auf den Stift nimmst Du entsprechend mehr oder weniger weg. Und selbstverständlich kannst Du auch hier die beiden linken Schiebregler anwenden, den für die Dicke des Tools und für die Transparenz. Ist Dein Radiertool auf sehr transparent eingestellt, so kannst Du auch ganz ganz zart Farbe wegnehmen.

Machen wir einen zweiten Versuch. Lege drei einzelne Ebenen übereinander. Auf jeder Ebene hinterlässt Du mit jeweils einem anderen Material und jeweils einer anderen Farbe so viele Spuren, dass Du jeweils ca. 70-80% der Ebene füllst.

Nun radiere auf jeder Ebene mit einem anderen Material etwas weg. Aktiviere die mittlere Ebene (blau unterlegt) und fange an zu radieren. Das Aufregende ist – und daran muss man sich tatsächlich erst gewöhnen, um es irgendwann ganz bewusst nutzen zu können -, Du radierst tatsächlich nur in der mittleren Ebene. Die unterste Ebene legst Du frei und die oberste Ebene bleibt unberührt!!! Radiere auch von der oberen Ebene etwas weg und versuche dieses Phänomen des PROCREATE-Radiergummis zu verinnerlichen.

BEFREE

Die heutige Übung ist sozusagen „Freie Malerei“ in Kombination mit „Freiem Radieren“. Schau einfach, was Du für Dich dabei an neuen Erfahrungen herausziehen kannst. „Learning by Doing“ bleibt ein wichtiges Lernprinzip.

Auch wenn sich das alles recht zufällig anhört, wenn Du Dir die Übung nach und nach durchliest, so solltest Du trotzdem in jedem Schritt auf Dein kompositorischen Können und Wissen zurückgreifen. Es geht weniger um das Abgreifen von Effekten. Und jetzt viel Spaß bei der heutigen Schrittfolge!

Die Übung

Öffne ein Format Deiner Wahl und starte direkt mit dem ersten Schritt.

1 Malerei und Liquidieren

Betreibe Freie Malerei mit einem Material Deiner Wahl und zwei eher dezenten Farben, die Deines Erachtens gut „zusammenpassen“. Bearbeite ca. 70% eines Blattes und liquidiere anschließend durch „Schieben“ und „Wirbeln“.

2 Freie Malerei auf neuer Ebene

Öffne eine neue Ebene und betreibe Freie Malerei in einer Farbe und einem Material Deiner Wahl. Versuche Deine Malerei nicht auf die malerische Struktur von Schritt 1 auszurichten, sondern arbeite eher dagegen. Wenn Du 30% der Fläche bearbeitest, ist das absolut ausreichend.

3 Textur auf neuer Ebene

Du benötigst wieder eine neue Ebene und eine neue Farbe Deiner Wahl. Wähle eine der Texturen aus der Pinselsammlung und bearbeite Dein Blatt zu 50%.

4 Radieren auf einer Ebene

Kommen wir nun zum Radiergummi. Wähle aus der Radiergummi-Pinselsammlung ein Tool Deiner Wahl und radiere auf einer Ebene Deiner Wahl einen Teil kreativ und subtil weg.

5 Kohle auf einer neuen Ebene

Und wieder benötigst Du eine neue Ebene, dieses Mal sind Farbe und Tool vorgegeben bis eingeschränkt. Arbeite unbedingt mit Schwarz und Kohle. Welche Kohle Du nimmst, obliegt Dir ganz alleine. Arbeite massiv und gestisch auf gut 40% des Blattes.

6 Foto einfügen und liquidieren

Eine neue Ebene ist wieder der erste Schritt. Füge ein Foto Deiner Wahl ein. Vergrößere es über das vorherige Markieren so groß, dass es über die Ränder des Blattes hinausgeht. Anschließend arbeite mit dem „Liquidieren“-Tool, wieder mit „Schieben“ und „Wirbeln“ und verfremde das Foto dadurch ganz extrem.

7 Radieren auf zwei Ebenen

Wiederhole Schritt 4, dieses Mal auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Nutze für jede Ebene ein anderes Radiertool und versuche gestalterisch und kompositorisch zu arbeiten.

8 Freie Malerei auf einer neuen Ebene

Wiederhole Schritt 2 in einem Anteil von 50%!

9 Radieren auf einer Ebene

Wiederhole Schritt 4!

10 Ebenen neu ordnen

Nun hast Du bereits 9 Ebenen intensiv beackert. Das ist ein guter Zeitpunkt, um die Anordnung der Ebenen mal zu überdenken. Ggf. probiere die eine oder andere Ebene einfach mal zu verschieben.

Oder Du machst im Galeriemodus eine Sicherungskopie und ordnest die Ebenen auf dem Duplikat sehr intensiv neu! Diese Neuordnung ist natürlich auch ein gestalterischer Akt, der allerdings bewusst kaum steuerbar ist. Hier spielt der Zufall eine nicht unerhebliche Rolle.

11 100% Schwarz

Eine neue Ebene und jetzt färbst Du diese Ebene zu 100% mit einem deckenden Schwarz ein.

12 90% Radieren

Dieses Schwarz radierst Du nun zu 90% wieder weg, mit einem Radier-Tool Deiner Wahl.

Hätte man statt des 11. Und 12. Schrittes nicht einfach 10% Schwarz setzen können???? Was ist zwischen diesen beiden Optionen Deines Erachtens der maßgebliche Unterschied?

13 Freie Malerei auf neuer Ebene

Und noch einmal kommt Schritt 2 zu ca. 50%.

14 Freie Malerei auf neuer Ebene A

Und weil es so schön ist, gleich noch einmal, dieses Mal nur zu 30%!

15 Radieren auf 4 Ebenen

Suche Dir 4 Ebenen aus, auf denen Du kreativ radierst, wieder in einem Radier-Tool Deiner Wahl, pro Ebene ein anderes!

16 Ebenen neu ordnen

Und noch einmal hast Du die Möglichkeit, die Ebenen neu zu ordnen, ggf. erneut mit einer Sicherungskopie.

Die Reflektion

Und wieder hast Du eine Übung durchlaufen, hoffentlich mit vielen neuen Erkenntnissen.

  1. Wenn Du nach dieser ersten Übung mit der Radier-Pinselsammlung mal in Dich gehst und überlegst, was Dir dieses neue Tool jetzt schon bringt oder in Zukunft bringen könnte, was würdest Du sagen?

  2. Hast Du das Gefühl, dass das Neuordnen der Ebenen Dir tatsächlich etwas bringt oder bringst Du einfach nur mehr Zufall ins Spiel? Werden die Arbeiten, wenn man so etwas oft macht, austauschbarer oder eher nicht? Was denkst Du, woran das jeweils liegen könnte?

  3. Da so ein komplexer Radiergummi im klassischen Malen und Zeichnen nicht verankert ist, brauchen wir schon viel aktive Arbeit, um dieses Tool wirklich auch anzuwenden. In welchen Fällen macht so ein vielfältiger Radiergummi tatsächlich Sinn???

Genieße die Zeit, genieße das Ausradieren und komm gut durch die Woche – Stephan